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REZENSIONDeep Purple - "Perfect strangers" (1984)

Deep Purple - "Perfect strangers" (1984)

Ungelesener Beitrag#1von AusDemWegIchBinArzt » 26. Dez 2015 13:34

Deep Purple - "Perfect strangers" (1984)

Das weitreichende Schaffen von Deep Purple hat, verteilt über mehrerere Jahrzehnte und unzählige LPs, einige Alben hervorgebracht die man gemeinhein als Konsens-Alben bezeichnen könnte.

Also als Werke, auf die sich nahezu alle Fans der Band als gemeinsamen Nenner verständigen können. Das ist bei "In Rock" so, bei "Machine head" (welches ich selbst aber zurückhaltender bewerte - ich ziehe "Burn" vor...) oder eben bei "Perfect strangers".

"Perfect strangers" kam als Comeback-Album der 84er Reunion die schwierige Aufgabe zu, den Geist und das Feeling der klassischen Mk.II-Purple in die 80er Jahre transportieren zu müssen, ohne sich aber selbst zu kopieren und das Soundschema aus den 70er Jahren einfach nur betriebsblind zu wiederholen.

Man war sich durchaus bewußt darüber, dass man der Tatsache Rechnung tragen mußte dass man sich mittlerweile in einem neuen Jahrzehnt befand und die Uhr sich weitergedreht hatte. Es galt, auf möglichst glaubwürdige und elegante Art den schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu meistern, also die eigenen Trademarks und den entsprechenden Wiedererkennungswert auf eine damals zeitgemäßere Art zu interpretieren.

Die Musik mußte nach klassischen Deep Purple klingen, aber nicht nach einer stumpf uralte Erfolgsschemata wiederkäuenden Karikatur ihrer selbst, denn sonst hätte man die Relevanz der eigenen Reunion von vorneherein in Frage stellen müssen.

Das Album sollte zeitgemäß tönen, aber nicht anbiedernd irgendeiner Mode hinterherhecheln. Und gleichermaßen sollte es ein angenehm altmodisches Wohlfühlfeeling unter Beibehaltung bandytpischer Trademarks sicherstellen, aber dabei eben nicht altbacken sein.

Dem ganzen vorausgegangen war zunächst einmal das Implodieren der bis dato letzten und stilistisch modifiziert agierenden Deep Purple-Besetzung (Mk.IV mit Coverdale, Hughes und Bolin) im Jahre 1976, mit der daraus resultierenden Auflösung der Band.

In der Folgezeit gab es zunächst einmal keinerlei Versuche, die Band, in welcher Besetzung auch immer, wieder zusammenzuführen - zumal sogenannte Reunions damals auch noch weitgehend unüblich waren.

Original-Gitarrist Ritchie Blackmore war mit Rainbow glücklich, zu denen später auch Roger Glover hinzustieß.

David Coverdale hatte Whitesnake, während Jon Lord und Ian Paice sich zunächst die Zeit mit ihrem Projekt PAL (Paice / Ashton / Lord), in Kooperation mit Tony Ashton, vertrieben. Nach dem Ende von PAL wechselten beide ebenfalls zu Whitesnake.

Ian Gillan hatte seine Ian Gillan Band gegründet und frönte zunächst einem Jazzrock-/Fusion-Sound, bevor er die Gruppe einstampfte und mit neuer Besetzung schlicht und einfach als Gillan weitermachte, diesmal wieder in gewohnten Hardrock-Gewässern schippernd.

Und gerade Gillan hätte sich zu jenem Zeitpunkt wohl sowieso eher freiwillig die Hände abhacken lassen, als jemals wieder mit seinem Erzfeind Blackmore gemeinsam in einer Band spielen zu müssen.

Niemand verschwendete in dieser Zeit, Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre, ernsthaft einen Gedanken daran die Band zu reaktivieren.

Das tat dann zunächst einmal ausgerechnet jemand, den bis dato niemand mehr auf dem Schirm gehabt hatte:

Pikanterweise nämlich der ursprüngliche Deep Purple-Sänger Rod Evans, der 1969 zugunsten von Gillan aus der Band geflogen war, anschließend für einige Jahre den kaum weniger großartigen Captain Beyond vorstand und zwischenzeitlich in die USA verzogen war. Der nämlich, mittlerweile arbeitslos und frustriert, wollte aus dem großen Namen Deep Purple und seiner Vergangenheit bei der glorreichen Truppe ein wenig Kapital schlagen und ging kurzerhand 1980 in Amerika mit unbekannten Mitmusikern dreist als Deep Purple auf groß angekündigte Tournee.

Selbstredend hatte er sich bei diesem Vorhaben komplett verkalkuliert, denn die Fans die zu den Konzerten gekommen waren, fühlten sich betrogen und waren natürlich stinksauer. Es dauerte dann auch nicht lange, bis er verklagt wurde und entsprechende einstweilige Verfügungen bei ihm eintrudelten, die ihm untersagten, den Namen Deep Purple zu benutzen.

Inzwischen nun, wir befinden uns in den frühen 80er Jahren, waren allerdings die Befindlichkeiten bei einigen anderen früheren Deep Purple-Musikern etwas getrübt und die grundlegende Sachlage hatte sich geändert:

Blackmore und Glover waren mit Rainbow nicht mehr ganz so glücklich. Die Band hatte sich musikalisch in immer seichtere und kommerziellere Fahrwasser begeben, war darüberhinaus durch ein instabiles Line-Up geschwächt und steckte trotz aller Mühen bei gleichzeitig nachlassendem Erfolg in einer Sackgasse fest.

Auch Paice und Lord waren bei Whitesnake nicht mehr besonders zufrieden. Lord, der sich laut eigener Aussage zwar grundsätzlich in der Band wohlfühlte und gerne dort spielte (laut Ian Paice hatten sie dort zwar kaum Geld, aber den Spaß ihres Lebens) war bei seinem Talent chronisch unterfordert - denn während er bei Purple einen der musikalisch federführenden Protagonisten darstellte, war er bei Whitesnake eher zu einem Begleitmusiker degradiert worden, der die Songs mit seinem Instrument zwar hübsch zu untermalen hatte, aber mehr bitte auch nicht. Und das Sagen hatte dort ganz klar David Coverdale, sonst niemand.

Bei Gillan lief zwar soweit alles ganz gut und grundsätzlich hätte er mit seiner Band auch weitergemacht, aber insgeheim trauerte auch er den magischen Deep Purple-Zeiten hinterher.

Bereits irgendwann zu dieser Zeit, ca. 1981/82, muß Ritchie Blackmore an Ian Gillan mit dem Gedanken herangetreten sein, ein eventuelles Comeback von Deep Purple in die Wege leiten oder zumindest einmal darüber nachzudenken zu wollen.

Blackmore selbst wäre wohl, wenn man seiner eigenen Aussage Glauben schenken darf, in jenen Tagen dazu bereit gewesen und war zumindest bei Gillan (was Blackmore sehr überraschte !) und Glover auch auf offene Ohren gestoßen, aber letztlich hätte es sich dann zunächst einmal wieder zerschlagen, weil von den anderen keiner wirklich Zeit gehabt hätte, sich konkreter damit zu befassen.

Andererseits hatten sich aber unabhängig davon auch Gillan selbst sowie Jon Lord bereits ihre Gedanken zu diesem Thema gemacht, aber es sei in diesem Falle an der mangelnden Motivation Blackmores gescheitert, wie es später hieß.

So ganz einig scheint man sich zu diesem Zeitpunkt also unter den beteiligten Figuren noch nicht gewesen zu sein, so dass man den Plan zunächst einmal wieder fallen ließ und auf Eis legte.

Allerdings nicht für allzu lange Zeit, denn bereits im Herbst 1983 fand man diesbezüglich wieder zusammen und nun schienen die Gedanken an eine Reunion präzisere Formen anzunehmen, also nach einer gewissen Reifezeit wie man annehmen darf.

Auf jeden Fall waren von vorneherein also schon einmal zwei Dinge unumstößlich klar:

1.) Wenn Deep Purple wieder aktiv werden würden, konnte, mußte und durfte dieses ausschließlich in der Mk.II-Besetzung geschehen.

2.) Die alten Zwistigkeiten und Animositäten, die einst zum Auseinanderbrechen dieser legendären Besetzung geführt hatten, mußten wie auch immer beigelegt werden respektive von Anfang an ausgeräumt sein, um halbwegs unbefangen kreativ arbeiten zu können.

Zu dieser Zeit, Ende 1983 / Anfang 1984, hatte Ian Gillan seine eigene Band bereits zu den Akten gelegt und ein weiteres, kurzzeitiges Engagement bei Black Sabbath hinter sich, welches ein gutes Studioalbum ("Born again", 1983) und eine desaströse Tour beinhaltete.

Die Treffen und Gespräche zwischen Gillan, Glover, Lord, Paice und Blackmore zwecks Neuformierung von Deep Purple verliefen überraschend harmonisch und man fand unterm Strich dann doch tatsächlich offenbar mehr Gemeinsamkeiten als trennende Aspekte. Somit konnte im April 1984 offiziell verkündet werden: Deep Purple Mk.II are back !

Zumindest für dieses kurze Zeitfenster Mitte der 80er Jahre zogen die Bandmitglieder wieder an einem Strang (was sich leider wenige Jahre später schon wieder ändern sollte). Man entwickelte eine entspannte, lockere und hochkreative Arbeitsweise. Jeder hörte dem anderen zu, eingeworfene Ideen wurden gemeinsam ausgearbeitet, niemand wurde ausgebremst, keiner profilierte sein eigenes Ego auf Kosten anderer - nicht einmal der diesbezüglich berüchtigte Mr.Blackmore.

Sämtliche Musiker, die nun seit über 10 Jahren erstmals wieder alle in einem Raum saßen, besaßen den Ehrgeiz der Welt zeigen zu wollen, dass mit Deep Purple wieder zu rechnen war und dass die Band auch unter den nachgewachsenen neuen, wesentlich härteren Heavy Metal-Bands bestehen konnte, ohne dabei ihre Seele verkaufen zu müssen.

Man wollte sowohl die alten, loyalen Purple-Fans mit dem frischen Songmaterial überzeugen, als auch unter den nachgewachsenen jungen Fans neue hinzugewinnen.

Und die feinen Rock-Gentlemen wollten es vor allem tunlichst vermeiden, als wieder zusammengekommene Frührentnerkapelle wahrgenommen zu werden, die mit einem Best-Of-Programm durch die Lande tingelt.

Die alten Probleme waren zu diesem Zeitpunkt (vorübergehend) vergessen und man verbrachte einen Monat mit Feuereifer im Studio, um dabei herauskommen zu lassen, was man dann "Perfect strangers" zu nennen gedachte.

Jon Lord erwähnte seinerzeit im Hinblick auf das Comeback und das neue Album, dass die neuen Deep Purple all das besäßen, was die alten Deep Purple auch schon ausgezeichnet hätte da es sich ja um dieselben Leute handele, plus zehn zusätzliche Jahre Tournee-Erfahrung in verschiedenen Bands. Somit sei der nun zusammengefaßte Erfahrungsschatz riesig.

Als das von Roger Glover produzierte "Perfect strangers" im Oktober 1984 auf dem Markt erschien, wurde die Scheibe von der Fachpresse kollektiv abgefeiert und mit besten Kritiken bedacht.

Ebenso herausragend gestalteten sich die Verkaufszahlen des Albums. Für etliche Beteiligte sogar deutlich besser als erwartet. Insofern hatten sich die investierte Zeit und Mühe also schon einmal ausgezahlt.

Während heutzutage Bandreunions inflationär um sich greifen und sich selbst drittklassige, genaugenommen überflüssige Hinterhofcombos großspurig wieder vereinen, war dieses Thema Anno 1984 wirklich noch etwas besonderes und vor allem handelte es sich bei Deep Purple generell um eine der wenigen Reunionen, die ausnahmsweise auch mal Sinn ergab.

Die Musiker pushen sich auf "Perfect strangers" gegenseitig zu Höchstleistungen und bieten ein glasklar und druckvoll produziertes Album, welches wie aus einem Guß klingt. Ian Gillan ist stimmlich in Bestform und auch die prägnanten Orgel-/Gitarren-Duelle sind, wie in besten Purple-Tagen, selbstverständlich vorhanden.

Das Songmaterial ist durchweg hochklassig und in sich stimmig, negative Ausreißer gibt es praktisch keine. Man spürt die Motivation der Band quasi bei jedem einzelnen Stück.

Natürlich ist kein zweites "In Rock" entstanden, aber das war ja auch, wie schon angedeutet, nicht Sinn und Zweck des Unternehmens.

Es ist aber ein Album dabei herausgesprungen, welches auf seine ganz eigene Art ähnlich zu begeistern weiß und die Band in bestechender Form fit für die Zukunft präsentierte.

Das Mk.II-Kollektiv hat es geschafft, die ihm ureigene Magie aus den 70er Jahren in den Kontext der 80er Jahre zu transportieren und dabei ein zeitloses Stück harte Rockmusik vom Feinsten kreiert.

Aus dem Album sind, ähnlich wie aus den großen Werken der 70er, zahlreiche Klassiker hervorgegangen, die nicht ohne Grund bis zum heutigen Tag zum Liveprogramm der Band gehören, was wohl ein zweifelsfreier Beleg für deren Qualität sein dürfte.

Als Beispiele seien nur die erstklassigen Rocker "Knocking at your backdoor" oder "A gypsy´s kiss" (gleichzeitig der schnellste Song auf dem Rundling) genannt; nicht minder stark sind aber auch "Mean streak", "Nobody´s home" oder, mein persönlicher Album-Liebling, "Under the gun". Ebenfalls ein absoluter Klassiker ist der orientalisch angehauchte, monumentale Titelsong. Ein hypnotischer Monolith, der in eine vergleichbare Richtung wie Led Zeppelins "Kashmir" tendiert. Und das alleine sind direkt am Stück nur die ersten sechs (von acht) Songs des Albums !

Es folgt mit "Wasted sunsets" noch eine großartige Powerballade, die durch Blackmores gefühlvolles Gitarrenspiel, tolle Melodieführung sowie Gillans hervorragende Gesangsdarbietung besticht und dezent an Rainbow erinnert.

Lediglich der letzte Song "Hungy daze" ist etwas durchschnittlich geraten und mit weniger Wiedererkennungswert gesegnet, aber das läßt sich anhand der allgemein hohen Qualitätsdichte des restlichen Materials locker verschmerzen.

Für mich steht "Perfect strangers" in einer Reihe mit den großen Klassikern aus den 70ern. Allerdings muß ich auch in aller Deutlichkeit sagen, dass es bis zum heutigen Tage das erste und letzte Deep Purple-Album der Neuzeit geblieben ist, welches diesem Status gerecht wird.

Danach ist der Band zwar immer noch mal wieder der eine oder andere starke Song geglückt, aber kein derart in sich geschlossenes und sich auf einem solch kontinuierlich hohen Level bewegendes Album mehr.


Die Songs

1. Knocking at Your Back Door – 7:00
2. Under the Gun – 4:35
3. Nobody’s Home – 3:55
4. Mean Streak – 4:20
5. Perfect Strangers – 5:23
6. A Gypsy’s Kiss – 5:12
7. Wasted Sunsets – 3:55
8. Hungry Daze – 4:44


Die Band

Ian Gillan (Gesang)
Roger Glover (Bass)
Ritchie Blackmore (Gitarre)
Jon Lord (Orgel; Keyboards)
Ian Paice (Schlagzeug)


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Re: Deep Purple - "Perfect strangers" (1984)

Ungelesener Beitrag#2von Seeker » 23. Okt 2016 18:57

Ja, wieder so ein geiler Bericht.
Damals in den seeligen 80ern, als das Album erschien war es für mich der Türöffner in die Deep Purple Welt.
Ich kannte bis dato natürlich den ein oder anderen Klassiker von Purple von Feten, aber die "Perfect Stranger" war damals meine erste Purple LP und bis zum heutige Tage noch, halt nur auf CD, ich möchte mal sagen gaaanz knapp immernoch mein Lieblingsalbum von DP. Sie lief sogar noch vor ca. 2 Wochen hier...
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