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REZENSIONJudas Priest - "Turbo" (1986)

Judas Priest - "Turbo" (1986)

Ungelesener Beitrag#1von AusDemWegIchBinArzt » 29. Mär 2017 11:20

Judas Priest - "Turbo" (1986)

Kürzlich erst durfte dieses viel kritisierte und seinerzeit recht kontrovers aufgenommene Werk seinen 30.Geburtstag feiern. Ein Grund mehr, sich einmal wieder damit zu beschäftigen.

Als das Album erschien, waren Hardrock und Heavy Metal gerade richtig groß und feierten rund um den Globus sensationelle Erfolge, vor allem in Europa, Japan und den USA und das trotz des Schmuddel-Images, welches der Musik und seinen Künstlern immer noch anhaftete. Obwohl die Plattenverkäufe teilweise enorme Ausmaße annahmen, war Heavy Metal lange noch nicht so etabliert und im Mainstream angekommen, wie das heutzutage der Fall ist.

Viele bereits angesehene Bands suchten auf dem Höhepunkt der Erfolgswelle aber auch nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten- und erweiterungen. Manche wurden glatter und kommerzieller (Saxon, Def Leppard, Whitesnake, ein Großteil der US-Glam Metal-Bands), bei anderen wiederum kamen technischen Neuerungen zum Zuge, die das Klangbild ergänzen sollten.

Letzteres war etwa bei Iron Maiden und eben Judas Priest der Fall, denn bei beiden kamen erstmals neumodische Gitarrensynthesizer zum Einsatz und zwar auf deren im gleichen Jahr veröffentlichten Studioalben "Somewhere in time" (Maiden) und "Turbo" (Priest), die im Abstand weniger Monate erschienen.

Beide Bands lösten damit zwiespältige Reaktionen aus. Gerade die alten Die Hard-Fans, die von Anfang an "ihre" Bands begleitet hatten, wandten sich teilweise schroff ab und warfen den Gruppen Verweichlichung und Ausverkauf vor.

Im Abstand von etwas über 30 Jahren muß man beide Scheiben jedoch als rehabilitiert ansehen. Vor allem das Maiden-Album hat es geschafft, heute als unverzichtbarer Klassiker im Schaffenskanon der Band anerkannt zu werden. Die Priest-Scheibe hatte es da über die Jahre etwas schwerer und das ist auch heute noch so, obwohl sich auch dort allmählich die allgemeine Sichtweise zugunsten des Albums etwas gemäßigt hat.

Was man sicherlich sagen kann ist folgendes: Das Maiden-Album hat die Zeit von vorneherein besser überdauert, weil die Syntesizer-Einsätze dort dezenter und songdienlicher ausgefallen sind und besser in den Gesamtkontext integriert wurden, so dass sie zunächst fast gar nicht richtig auffallen und tatsächlich am Ende eher als zusätzliche Klangfarbe eingeordnet werden können.

Bei "Turbo" von Priest ist das schon etwas anders, denn die Synthiesounds dominieren das Klangbild des Albums schon sehr stark und dadurch klingt die Platte eben nicht so zeitlos wie die Maiden-Scheibe, sondern nach einem typischen 80er Jahre-Album, zumal Judas Priest auch ansonsten viel mehr Wert auf eine Wall-Of-Sound-Produktion gelegt haben, mit vielen künstlichen, der Entstehungszeit geschuldeten Effekten, Klangspielereien, sehr wuchtigen Drums und jeder Menge Hall.

Das führt am Ende dazu, dass "Turbo" vom Klangbild sehr steril und künstlich klingt, während "Somewhere in time" von Maiden zwar auch einen leicht futuristischen Touch aufweist, aber unterm Strich dennoch deutlich wärmer und organischer tönt.

Bei Priest klingt dagegen alles etwas "Computermäßiger", wobei das damals sicherlich auch absolut so beabsichtigt war und jeder in der Band diese klanglichen Möglichkeiten total geil fand. Nur haben viele Fans leider nicht mitgezogen und das Album sofort als schlechtestes Priest-Werk aller Zeiten eingestuft - was es aber ganz sicher nicht ist, egal ob man sich am Sound reibt oder nicht.

Denn die Songs an sich sind, auch wenn hier und dort zusätzlich eine etwas kommerziellere Schlagseite aufleuchtet, kompositorisch überwiegend stark. Es gibt musikalisch weitaus schwächere Priest-Scheiben und da kann man schon gleich alles nennen, was seit den Neunzigern von der Band herausgebracht wurde.

Auch kann eigentlich niemand wirklich extrem überrascht gewesen sein als "Turbo" herauskam, denn die künftige Marschrichtung (klanglich und musikalisch) hatte sich bereits auf dem - stets hochgelobten - Vorgänger "Defenders of the faith" (1984) angedeutet, zumindest bei einigen Stücken ("Love Bites" zum Beispiel).

Ursprünglich hatten die Priester "Turbo" sogar als Doppelalbum geplant und zwar unter dem passenden Titel "Twin Turbos".

Leider war die zuständige Plattenfirma von der Idee jedoch alles andere als begeistert und so wurde die Tracklist letztlich auf die neun Stücke zusammengestrichen, welche auf dem regulären (Einzel-)Album zu finden sind.

Das übriggebliebene Material wurde teilweise noch hier und dort auf dem Nachfolger "Ram it down" (1988) verbraten.

Wenn man nun mal also von dem teilweise wirklich arg die Ohren strapazierenden Soundgewand absieht bzw. sich damit arrangieren kann (und es als Zeitdokument verbucht, was es letztlich auch einfach ist), erwarten den Hörer auf "Turbo" einige verdammt starke Hymnen.

Und damit meine ich nicht unbedingt das allseits bekannte "Turbo Lover", für das ein peinliches MTV-Video gedreht wurde. Der Song ist zwar gut, aber es gibt noch deutlich besseres: Den Übersong "Out in the cold" zum Beispiel, der problemlos auch auf "Defenders of the faith" seinen Platz hätte finden können.

"Locked In" ist ebenfalls bärenstark, genauso wie "Private Property". Das sind aufgrund des Sound-Dilemmas oft schlechter als nötig bewertete oder unter den Teppich gekehrte Songperlen, die eigentlich normalerweise auf jedem klassischen Priest-Album eine gute Figur abgeben würden.

Natürlich sind auch ein paar schwächere Nummern auf dem Album vertreten, aber das war eigentlich schon fast obligatorisch auf JEDEM Priest-Album nach "Killing Machine" (1978) der Fall....

"Parental Guidance" ist musikalisch kein Oberhammer und wirkt eher langweilig, weiß aber durch den bissigen Text zu gefallen, der aus dieser eher durchschnittlichen Nummer noch ein bißchen was rausholt.

Inhaltlich inspiriert wurde das Stück durch die lächerlichen Versuche von Tipper Gore (gelangweilte Gattin von US-Präsidentschaftsanwärter Al Gore) und anderer "besorgter" Leute - komisch, irgendwie erinnert mich das mit den "besorgten Bürgern" an irgendwas - Heavy Metal-Bands wegen ihrer vermeintlich anstößigen und "schmutzigen" Lieder ans imaginäre Kreuz zu nageln bzw. vor den Kadi zu zerren.

Insgesamt ist "Turbo" nicht das beste Priest-Werk (aber ein absolut respektables) und der Zahn der Zeit hat nach 30 Jahren hörbar deutlicher an dem Album genagt als an anderen Alben der Band, aber das liegt am leblosen, künstlichen larger-than-life-Sound und nicht oder kaum an den Songs selbst.

Das Album in der Sammlung haben, dabei als interessante Entwicklungsstufe im Schaffen der Band betrachten und sich trotz der klanglichen Defizite und Synthie-Experimente an den genannten gelungenen Liedern erfreuen, kann und sollte man aber in jedem Fall.


Die Songs

1.Turbo Lover – 5:32
2.Locked In – 4:18
3.Private Property – 4:29
4.Parental Guidance – 3:24
5.Rock You All Around the World – 3:35
6.Out in the Cold – 6:26
7.Wild Nights, Hot & Crazy Days – 4:39
8.Hot for Love – 4:11
9.Reckless – 4:18


Die Band

Rob Halford (Gesang)
Ian Hill (Bass)
K.K.Downing (Gitarre)
Glenn Tipton (Gitarre)
Dave Holland (Schlagzeug)


Bild
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