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REZENSIONMotörhead - "Aftershock" (2013)

Motörhead - "Aftershock" (2013)

Ungelesener Beitrag#1von AusDemWegIchBinArzt » 28. Okt 2016 11:49

Motörhead - "Aftershock" (2013)


Für dieses späte Motörhead-Werk (es war ihr vorletztes) muß ich mal an dieser Stelle eine Lanze brechen, denn ich halte es unter den späten Alben ihrer Karriere (also alles ab/nach dem Jahr 2000) für das mit Abstand stärkste.

Viel stärker auch als etwa das Abschiedswerk "Bad Magic", welches 2015 erschien und damals in den Medien wahnsinnig gehypt und als bestes Album seit "Bastards" hochgejubelt wurde - was es nicht ist. "Aftershock" war in jeder Hinsicht überlegen und wäre das ihr Vermächtnis gewesen, hätten sie wirklich alles richtig gemacht.

Eine solche Leistung hätte ich der Band damals nicht mehr unbedingt zugetraut und zwar aus zweierlei Gründen:

Erstens
: Motörhead blieben zwar immer irgendwie Motörhead, waren aber bei den späten Alben vom Songwriting her oftmals nicht mehr so richtig überzeugend.

Klar, es war stets laut, derb und ballerte, kommerziell anbiedernd wurde man auch nie großartig, aber es fehlte der typische Motörhead-Swing, wenn man das mal so nennen darf. Es wurde zu sehr und zu vordergründig auf die Metal-Kante gesetzt, dabei hat Lemmy stets betont, dass Motörhead keine Metal- sondern eine harte Rock´n´roll-Band seien. Was ja auch stimmt.

Genau dieses Feeling war Motörhead nach 2000 irgendwie teilweise abhanden gekommen und die Songs zündeten auch allgemein nicht so richtig dolle. Alles ganz nett, aber im Zweifelsfall packte man sich dann doch lieber "Ace of spades", "Bomber" oder "Orgasmatron" auf den Plattenteller.

Zweitens war Lemmy bereits im Umfeld der "Aftershock"-Produktion gesundheitlich so böse angeschlagen, dass man damals schon nicht wußte, ob er´s noch lange macht und ob das jemals wieder was wird. Hätte also durchaus im realistischen Bereich gelegen, dass "Aftershock" wirklich die letzte Scheibe geworden wäre.

Zusammenbrüche, Diabetes, Dehydration, Herz-OP, Defibrillator und und und...."Aftershock" stand unter keinem besonders guten Stern, zum ersten Mal sah man das ewige Stehaufmännchen Lemmy dauerhaft geschwächt und hatte Anlaß, sich wirklich ernsthafte Sorgen zu machen.

Umso überraschender, was für ein starkes Album am Ende trotzdem dabei herauskam und ich finde es immer merkwürdig, dass das anscheinend niemand so richtig bemerkt hat. Wie gesagt: Alle reden immer von "Bad Magic", dabei war "Aftershock" viel größer. Von allen Alben, die zwischen 2000 und 2015 erschienen sind, ist "Aftershock" mit Sicherheit das beste und in seinen wichtigsten Momenten gar nicht so weit weg von den alten Klassikern der Band.

Auf einmal waren sie wieder da, die entscheidenden, teilweise verloren geglaubten Ingredienzen: Der klassische Motörhead-Swing, der Drive, der Groove und der dezent pychedelische Touch der über so vielen früheren Songs der Band schwebte und wohl auch Lemmys Hawkwind-Vergagenheit geschuldet war.

"Death Machine" ist der großartigste Song, der von Motörhead in den letzten Jahren geschrieben wurde. Dieses Stück versprüht ein dermaßen authentisches Spät-70er-Feeling, dass man ihn ohne mit der Wimper zu zucken auch auf einem Album wie "Bomber" oder "Overkill" erwarten würde. Und das will wirklich was heißen - ein so starkes und mitreißendes Stück war der Band mindestens seit "Sacrifice" (1995) nicht mehr geglückt.

Dann zeigen Motörhead mit den ebenfalls völlig großartigen, aber eher ruhig gehaltenen "Dust and Glass" und "Lost woman blues" ganz im Sinne von Lemmy offen und ungekünstelt ihre Rock´n´roll-/Blueswurzeln, ebenfalls auch hier mit diesem früher für die Band so typischen, dezenten Psychedelic-Feeling.

Musik, um an einem schwülen Spätsommerabend mit einem Bier in der Hand auf der Veranda die Füße hochzulegen und den tanzenden Mücken in der Luft zuzusehen.

Hier beeindruckt Lemmy auch durch seine reife, nuancierte Gesangsleistung, weil er nicht diabolisch röhrt wie sonst, sondern diese feinen Bluesrocknummern mit warmer, fast schon gebrochener Stimme intoniert und so ganz unerwartete Akzente setzt.

Gerade diese beiden Stücke sind auch dem ganz frühen Motörhead-Material nicht unähnlich, wie man es zu "On Parole"-/"Motörhead"-Zeiten von der Band kannte, bevor der Sound lauter, härter und dreckiger wurde. Gerade auf "On Parole" sang Lemmy oft noch in einer ähnlichen Stimmlage.

Insgesamt ist "Aftershock", auch hier im Gegensatz zu "Bad Magic" oder anderen Alben der jüngeren Motörhead-Zeit, sehr abwechslungsreich geraten und viele Songs zünden gut und besitzen überaschend viel Feeling; von den gewohnt hervorragenden Lemmy-Texten mal ganz zu schweigen.

Es gibt neben den genannten Stücken Motörhead-übliche schnelle Brecher wie "End of time" (voll auf die Glocke mit starker Hookline!), "Coup de Grace" oder schwere Groovebrocken der Sorte "Silence when you speak", bei denen Lemmy kraftvoll wie eh und je tönt und man nie auf den Gedanken käme, es sei ihm schlecht gegangen, wenn man es nicht besser wüßte. Auch ganz stark ist "Going to Mexico".

Allerdings muß man auch anmerken, dass diese Aussagen sich vor allem auf die ersten 9-10 Songs des Albums beziehen, danach, im letzten Drittel, geht der Scheibe kompositorisch ein wenig die Luft aus und es kommen wieder die zwar harten aber etwas langweiligen Spät-Motörhead zum Vorschein, die man schon von den letzten Alben davor kannte. Hätte man bei insgesamt 14 Songs somit auf 4-5 Stücke verzichtet, wäre eine richtig runde Sache draus geworden.

Aber letztlich kann man, wie eingangs erwähnt, so oder so vom überzeugendsten Motörhead-Werk der Neuzeit sprechen, also ist dieser kleine Makel mehr oder weniger unerheblich und als Schönheitsfehler zu verbuchen.


Die Songs

1. Heartbreaker - 3:05
2. Coup de Grace - 3:45
3. Lost Woman Blues - 4:09
4. End of Time - 3:17
5. Do You Believe - 2:59
6. Death Machine - 2:37
7. Dust and Glass - 2:51
8. Going to Mexico - 2:52
9. Silence When You Speak to Me - 4:30
10. Crying Shame - 4:28
11. Queen of the Damned - 2:40
12. Knife - 2:57
13. Keep Your Powder Dry - 3:54
14. Paralyzed - 2:50

Die Band

Lemmy Kilmister (Gesang, Bass)
Phil Campbell (Gitarre)
Mikkey Dee (Schlagzeug)


Bild
"Nazi sein bedeutet, dass du verloren hast, bevor du anfängst. Du kannst nicht gewinnen. Du bist nur dumm."(Lemmy)

"Ich bereue nichts. Reue ist sinnlos. Du hast es ja schon gemacht - du hast dein Leben gelebt. Es nützt dir nichts, zu wünschen, es wäre anders." (Lemmy)


"Ein Komma kann über Leben und Tod entscheiden. Zum Beispiel in dem Satz "Wir essen jetzt, Opa." (Jürgen v.d.Lippe)

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